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Wohnen wird immer mehr zum Luxus

Fair und gut wohnen

Mitarbeiter der Herzogsägmühle machen sich für die Schaffung bezahlbaren Wohnraums stark.
Direktor Wilfried Knorr fordert, alle Kräfte zu bündeln, um das Problem in den Griff zu bekommen.
Foto: RAFAEL SALA

Wohnen wird immer mehr zum Luxus

Die Mieten im Landkreis Weilheim-Schongau kennen nur eine Tendenz: steil nach oben. Das trifft besonders einkommensschwache Familien hart. Eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde beleuchtete jetzt in Schongau das Thema umfassend.

Landkreis – Ein ungewöhnlicher Anblick bot sich kürzlich den Passanten auf dem Marienplatz in Schongau: Am Brunnen waren zwei weiße unansehnliche Metallbetten senkrecht aufgestellt. Sie sollten symbolisieren, dass man im Stehen nicht schlafen kann. Wenige Meter daneben befand sich ein roter, alter Transporter. Der Film, der darin auf Leinwand gezeigt wurde, handelte von der prekären Situation von Menschen ohne Dach über dem Kopf. Sei es, weil das Wohnen in Zeiten explodierender Mietpreise inzwischen für viele unbezahlbar geworden ist, sei es, weil sie aus sozial schwachen Schichten stammen oder als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind und befürchten müssen, mit ihren Familien die Nacht auf der Straße verbringen zu müssen, wenn sie anerkannt sind.

Die Misere dieser Menschen, eines der drängendsten Probleme unserer Zeit, in den Blick zu rücken: Das war das Anliegen der Diskussionsrunde „Problem Wohnraumnot für Menschen mit Fluchterfahrung“ der Diakonie Herzogsägmühle. Die Gesprächspartner: Schongaus Bürgermeister Falk Sluyterman (SPD), Peitings Altbürgermeister Michael Asam (SPD), stellvertretender Landrat Wolfgang Taffertshofer (BfL) und Weilheims Dritter Bürgermeister Alfred
Honisch (Grüne).

Um es gleich vorweg zu nehmen: Eine Lösung hatte keiner parat. Als zu komplex erwies sich das Thema, als zu langwierig entpuppten sich die Stellschrauben, an denen gedreht werden muss, um schnell auch nur annähernd Abhilfe zu schaffen. Ein Fass ohne Boden, wie es scheint. Der fast flehentliche Appell aller Diskussionsteilnehmer galt den Vermietern und Besitzern von Immobilien und wie auch immer beschaffenen Arealen und Grundstücken: Ob ungenutzte Wohnungen, gewerbliche Komplexe, Leerstände: „Teilt uns mit, was ihr habt, wendet euch an uns, gemeinsam finden wir eine Lösung“, wandte sich Taffertshofer an Passanten und Zuhörer.
Ihm zufolge ist die Zahl derer, die dringend auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen sind, im Landkreis Weilheim-Schongau auf 30 Prozent angeschwollen – fast jeder Dritte. Immerhin hatte Schongaus Bürgermeister eine halbwegs gute Nachricht in der Tasche: Bei allen Neubauprojekten soll es einen festen Bestand an Wohnungen für sozial Schwache geben.

Derzeit hat Schongau 100 Wohnungen im Bestand, im Norden der Stadt soll am „Südlichen Eichenfeld“ Geschosswohnungsbau entstehen. Honisch, auch Integrationsbeauftragter des Landkreises, verwies auf die leider oft vorhandene Alltagsdiskriminierung – ob offen oder versteckt. Wohnungssuchende kämen oft deswegen nicht zum Zug, weil sie eine andere Hautfarbe haben oder einen ausländischen Namen tragen „Da brauchen wir uns nicht in die Tasche zu lügen.“ Dabei bräuchten Wohnungseigentümer nicht zu befürchten, bei instabilen Mietverhältnissen das Nachsehen zu haben: „Es gibt Verträge auf Zeit, es gibt viele Möglichkeiten, Rechtssicherheit zu schaffen.“ Auch sein Aufruf lautete: „Wenden Sie sich an uns.“ Der Landkreis werde bei jedem Neubauprojekt an Geschosswohnungen 30 Prozent für den sozialen Wohnungsbau reservieren. Laut Asam seien in Peiting – nicht zuletzt dank des unermüdlichen Einsatzes des dortigen Asylhelferkreises – seit der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 erfreuliche Einzellösungen gefunden worden. Sie hätten das Schlimmste abgefedert, seien aber dennoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Ich bin teils froh, teils traurig.“ Das Problem: Menschen mit vielen Kindern bräuchten nicht nur ein Dach über dem Kopf, es müssten auch große Wohnungen sein. Dass acht Menschen in einer 80-Quadratmeter-Wohnung leben müssten, könne niemand wollen. „Aber zumindest haben wir Wohnraum geschaffen.“

Für Wilfried Knorr, Direktor in der Herzogsägmühle und Vorstandsmitglied der „Inneren Mission München“, war es trotz des fast aussichtslosen Ringens um Lösungsansätze ein erfreulicher Tag. Wegen der Signalfunktion: „Wohnen ist ein zentrales Grundbedürfnis wie Kleidung und Nahrung. Nur mit eigenem Wohnraum beginnt Integration.“

Quelle: Weilheimer Tagblatt